Brückenfahrt – Durch Berlin auf Spree und Landwehrkanal

In Berlin gibt es mehr Brücken als in Venedig, sagt man. Unter 64 davon ist unsere Autorin Ariane durchgefahren und findet: Die schönste Art, sich Berlin zu nähern, ist vom Wasser aus, zum Beispiel mit der Großen Spreerundfahrt.

Dass man im RADIALSYSTEM auch Bauchtanzkurse belegen kann, ist mir neu. (Eigentlich ein sehr konsequenter Schritt, wenn man bedenkt, dass sich der 2006 eröffnete Tempel für Musik und Kunst seit jeher um die Verbindung zwischen Hoch- und Popkultur bemüht.) Ebensowenig war mir klar, dass die East Side Gallery schon 1991 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Und dass an der Oberbaumbrücke bis zum Jahr 1723 eine Zollstation war, mit einem mit Eisennägeln gespickten Baumstamm als Schranke, dem so genannten Oberbaum, wusste ich auch noch nicht.


Wir erfahren viel Wissenswertes zur Stadtgeschichte und -gegenwart während der gut dreistündigen Brückenfahrt. Unser Schiff, die „FMS Kreuzberg“ der Reederei Riedel, haben wir am Märkischen Ufer bestiegen. Auf Spree und Landwehrkanal führt es uns durch die Bezirke Mitte, Moabit, Tiergarten, Schöneberg, Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain. Zwar werden hier oben auf dem Sonnendeck einzelne Textpassagen oft vom Wind weggetragen, aber das ist uns egal. Wir könnten auch nach unten gehen, in den Salon, wo die Akustik besser ist. Aber oben locken Sonne und Wind, und überhaupt: Wir wollen schließlich die Stadt spüren, ihre Luft riechen, ihre Geräusche hören, das Plätschern des Wassers, die Fetzen Musik von Leuten, die sich mit ihrem Instrument ans Wasser setzen, sei es, um die Liebste mit der Gitarre zu becircen oder um in Ruhe ein Stück auf der Klarinette zu üben, ohne dass der Mitbewohner oder die Nachbarn gestört werden.


An der Oberbaumbrücke – „unsere schönste Brücke!“ findet eine Frau hinter mir – haben wir die Spree verlassen und sind in den Landwehrkanal eingebogen. „Kopf einziehen!“ heißt es hier immer wieder, und alle ducken sich. Auf dem Landwehrkanal sind die Brücken besonders tief. „Ihre Gesundheit liegt mir am Herzen.“ Wir tuckern den Kanal entlang, eingerahmt von viel flirrendem Grün, die tief ins Wasser hängenden Weiden sind beinahe zum Greifen nah. Vorbei geht es an der Lohmühlen-Insel, dem Maybachufer, wo gerade Wochenmarkt ist, und der legendären Ankerklause, deren dicht über dem Wasser hängende Terrasse schon wieder voller Kreuzberger ist und solchen, die es werden wollen. Auf der Admiralsbrücke ist wie immer Eis essender Hochbetrieb. Wir tuckern drunter durch und überlegen, auch so einen Erdbeerbecher zu bestellen. Der ist hier auf dem Schiff offenbar der Renner, einer nach dem anderen bestellt sich diesen Traum in Rot-Weiß. Wir kommen zum Urbanhafen, wo wie immer allgemeines Fläzen im Gras angesagt ist, vorbei an Synagoge und Prinzenbad. Drei Mädchen, die am Ufer sitzen, winken uns zu, und eines ruft: „Viel Spaß in Berliiiiiin!“. Wir winken zurück, und hinter uns ruft jemand: „Dankeeee!“ Am Verteidigungsministerium der Hinweis, dass hier im Bendlerblock drei Mitglieder der Stauffenberg-Gruppe hingerichtet wurden, sowie auf die Gedenkstätte deutscher Widerstand. Das Bauhaus-Archiv strahlt weiß in der Sonne, und als wir zur Lichtensteinbrücke kommen, erzählt unser Guide, dass im Jahr 1919 an dieser Stelle der Leichnam Rosa Luxemburgs ins Wasser geworfen wurde. Ein Denkmal erinnert hier daran.

Am Schleusenkrug sinken wir ein Stück tiefer, übrigens schon zum zweiten Mal. Insgesamt drei Schleusen gibt es auf unserer Fahrt. Und 64 Brücken! Jetzt also doch. Wir haben uns entschieden. Wir wollen jetzt auch so einen Erdbeer-Becher!


Weiter geht es am Schloss Charlottenburg vorbei durch den alten Industrie-Charme von Moabit mit seinen großen Speichern aus grau-braunem Sand- und rotem Backstein. Was für eine grandiose Kulisse, ein völlig anderes Berlin als das der Postkarten und Reiseführer zeigt sich hier.

Wir fahren den Spreebogen entlang, und allmählich wird es wieder mondäner. Viel Glas und Beton und Fassaden, die nach Beauty&Wellness aussehen. Nachdem wir Schloss Bellevue hinter uns gelassen haben, fahren wir direkt in die blitzblanke Architektur des Regierungsviertels. Wir gleiten unter einem verglasten Überweg durch, in dem ein Mann im Stechschritt Anzug und Aktentasche trägt. Ob dem Mann bewusst ist, dass er gerade über unseren Köpfen marschiert?

Die Tour endet mit einem echten Hingucker: Am Bodemuseum vorbei öffnet sich ein Bilderbuch-Panorama mit Dom und Fernsehturm im Hintergrund, und wie nicht anders zu erwarten, zücken wir Kameraträger hier noch einmal alle unser Gerät. An der Mühlendamm-Schleuse werden wir zum letzten Mal „ausgeschleust“, wie es heißt. Zurück am Märkischen Ufer, steigen wir aus – nicht ohne zwei Münzen in das dafür aufgestellte silberne Schweinchen zu werfen. „Und wenn Sie nichts reinwerfen wollen, bin ich Ihnen ganz einfach dankbar, wenn Sie es nicht mitnehmen.“

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