Der Gendarmenmarkt – Spaziergang durch die historische Mitte von Berlin

Der Gendarmenmarkt steht in vielen Reiseführern als „schönster Platz Berlins“. Unsere Autorin Ariane wollte wissen, ob das stimmt.
Ein Mittwoch Anfang März, es ist früher Nachmittag. Da, wo in der Adventszeit der „Weihnachtszauber“ mit gepflegten Buden zu Kunst und Kulinarik einlädt, taucht heute wahres Kaiserwetter das eh schon prunkvolle Ensemble aus Konzerthaus (mittig), Deutschem Dom (links) und Französischem Dom (rechts) in angemessenes Licht. Wir befinden uns auf dem Gendarmenmarkt im historischen Stadtviertel Friedrichstadt und damit in der historischen Mitte von Berlin – die seit der Jahrtausendwende auch offiziell so heißt und vom Senat groß geschrieben wird. Der aus drei ineinander übergehenden Karrees bestehende, rund 3,3 Hektar große Platz wird im Norden durch die Französische Straße, im Westen durch die Charlotten-, im Süden durch die Mohren- und im Osten durch die Markgrafenstraße begrenzt. Jäger- und Taubenstraße verlaufen mitten durch. Im Lexikon zur Berliner Stadtgeschichte des Luisenstädtischen Bildungsvereins heißt es, der Gendarmenmarkt gehöre zu den schönsten Stadtplätzen Europas. Das Ensemble repräsentiere, liest man, eine zwischen 1690 und 1820 verwirklichte „in sich geschlossene städtebaulich-architektonische Idee“ von „zeitloser Schönheit“.

Entstanden ist der Gendarmenmarkt Ende des 17. Jahrhunderts nach Plänen von Johann Arnold Nering als Teil der so genannten Friedrichstadt, die Kurfürst Friedrich III. anlegen ließ, der spätere Friedrich I. König in Preußen. In diesem Viertel siedelte sich ein Großteil der Hugenotten an, jener französischen protestantischen Glaubensflüchtlinge („Réfugiés“), die Ludwig XIV. in seinem Staat nicht duldete. Ihnen hatte der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg mit dem Edikt von Potsdam 1685 den Schutz ihrer religiösen Freiheit und volles Bürgerrecht zugesichert – aus Mitleid, wie es offiziell hieß, aber selbstverständich auch aus wirtschaftlichen Gründen, denn die Hugenotten waren bekannt für ihre enormen handwerklichen Fähigkeiten. Viel Wissenswertes zur Geschichte der Hugenotten in Berlin erfährt man im Hugenottenmuseum, das sich im Französischen Dom neben der Kirche befindet.

Da stehen wir also vor dem Konzerthaus (inoffiziell meist immernoch Schauspielhaus genannt), nippen an unseren Heißgetränken und lassen den Berliner Klassizismus mit der Sonne um die Wette strahlen. Bei Einstein haben wir uns einen coffee to go geholt, meine Freundin einen Americano, ich einen Cappuccino. Das Café Einstein am Gendarmenmarkt ist eine der vielen Töchter, die das legendäre Stammhaus in der Kurfürstenstraße der Berliner Kaffeehauswelt geschenkt hat, und vergleichsweise klein. Ich sitze gerne hier, auch allein, denn man hat einen wunderbaren Blick auf beinahe den ganzen Platz. Heute aber, wie gesagt, die Take-Away-Version. Schließlich wollen wir den Platz erkunden.

Gerade als ich sage, dass ich noch nie da drin war, kreuzt ein Mädchen mit Rollkoffer und Cello auf dem Rücken das Sichtfeld und verschwindet hinter dem Konzerthaus. Vermutlich ist es auf dem Weg zur Probe, denn die Hochschule für Musik Hanns Eisler hat dort ihren Sitz. (Ich freue mich immer, wenn ich Leute mit Cello- oder Contrabass-Cases auf dem Rücken sehe. Ich finde, sie sehen aus wie weiße Schildkröten. Außerdem mag ich den Klang.) Als Kunsthistorikerin weiß meine Freundin, dass das Konzerthaus mit seiner hohen Freitreppe, der ionischen Säulenhalle und dem giebelbekrönten erhöhten Mittelteil neben dem Alten Museum auf der Museumsinsel als bedeutendste Arbeit des Architekten Karl Friedrich Schinkel gilt. Im Jahr 1821 wurde es als Königliches Schauspielhaus eröffnet, von 1919 bis 1945 war es Preußisches Staatstheater. Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, konnte es nach Rekonstruktions- und Umbau-Arbeiten 1984 als zentraler Konzertbau der DDR wiedereröffnet werden. Anfang der 1990er Jahre bekam es offiziell seinen heutigen Namen: „Konzerthaus Berlin“.

Zu Zeiten Friedrichs des Großen stand an derselben Stelle das Französische Komödienhaus, 1776 erbaut, aus dem etwas später das Königliche Nationaltheater hervorging. Sein Direktor, der Dramatiker August Wilhelm Iffland, machte es zum bedeutendsten Theater um 1800, in dem u.a. Schillers Dramen frenetisch gefeiert wurden. Ein Neubau entstand, der 1802 von Carl Gotthard Langhans, dem Erbauer des Brandenburger Tors, fertiggestellt wurde. Im Juli 1817 brannte dieser Bau komplett aus. Doch schon vier Jahre später konnte Schinkel mit seinem klassizistischen Monumentalbau die Lücke schließen.

Temperaturen knapp über Null halten eine Schülergruppe nicht davon ab, die herrschaftliche Freitreppe als Rastplatz zu nutzen. Direkt vor ihnen steht eine Taube auf Schillers Schulter und zupft an seinen Marmorlocken. Ein Mann mit Ringelmütze fotografiert sie dabei. Das Schiller-Denkmal vor dem Konzerthaus stammt aus der Meißel Reinhold Begas’, eines prominenten Vertreters der Berliner Bildhauerschule des 19. Jahrhunderts. Am 10. November 1859, des Nationaldichters 100. Geburtstag, erfolgte die feierliche Grundsteinlegung. Zwölf Jahre später, 1871, wurde es genauso feierlich eingeweiht. Von nun an hieß dieser mittlere Teil des Gendarmenmarkts Schillerplatz. Das Denkmal hier an dieser Stelle sollte den Charakter des Gendarmenmarktes als Pflegestätte klassischer deutscher Kunst und Literatur unterstreichen. Bis 1936. Da nämlich wurde es abgebaut, eingelagert und durch die heute noch vorhandenen quadratischen Steinplatten ersetzt. Auch die gärtnerischen Schmuckanlagen mussten im nationalsozialistischen Zuge der Umbildung zum Aufmarschplatz grauen Platten weichen. Botanische Sperenzchen passten da nicht ins Bild. Zum weiteren Schicksal des Denkmals und wie es letztendlich doch wieder auf den Gendarmenmarkt kam, weiß Wikipedia einiges.

Links von all dem, bei „Dom Curry“, hat sich eine kleine Schlange elegant gekleideter Leute gebildet. „Dom Curry“ ist die Edel-Version der gemeinen Wurstbude und befindet sich an der Ecke Mohrenstraße/Markgrafenstraße, gleich neben dem Turm des Deutschen Doms – der, anders als der Name vermuten lässt, keine Kirche ist. Aber dazu später. Noch sind die silbrigen Stühle unter den cremefarbenen Sonnenschirmen unbesetzt. In wenigen Wochen wird sich das ändern. Vor dem Dom lädt ein Schild zum kostenlosen Besuch der Dauerausstellung des Bundestags „Wege – Irrwege – Umwege. Die Entwicklung der parlamentarischen Demokratie in Deutschland“ ein. Hierfür sollte man sich wirklich Zeit nehmen. Auf fünf Turm-Stockwerken wird sehr anschaulich und kurzweilig die wechselvolle deutsche Parlamentsgeschichte dargestellt. Nicht nur für Schüler kurz vorm Referat interessant: Zu jedem „Kapitel“ gibt es ein Blatt zum Mitnehmen, wo noch einmal das Wichtigste draufsteht. Heute aber ist das Wetter einfach zu schön, um sich in geschlossenen Räumen weiterzubilden. Auf der Treppe an der Rückseite des Gebäudes recken erste Sonnenanbeter mit geschlossenen Augen ihre Nasen in den Himmel.

Die vielen Bänke, die den ganzen Platz umsäumen, sind alle besetzt, selbst die im Schatten. Die Leute scheinen es zu genießen, mal gar nichts zu müssen – kein Getränk bestellen, keine Konversation betreiben… einfach nur: da sein. Im Moment. In der Sonne. Auf diesem Platz. Vom Französischen Dom her tönt jetzt das Glockenspiel, und da drüben wird gerade eine Bank frei. Schnell! Nichts wie hin!

Wo wir jetzt sitzen, war früher Wochenmarkt. Damals, Anfang des 18. Jahrhunderts, hieß der Platz zunächst Lindenmarkt, später Friedrichstädtischer oder Mittelmarkt, kurzzeitig auch Neuer Markt und Stallmarkt, und schließlich, von 1799 bis 1950, Gendarmenmarkt – in Erinnerung an die Pferdeställe, die der „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1736 hier für seine „gens d’armes“ hatte errichten lassen. Die „gens d’armes“ waren das berühmteste und exklusivste preußische Reiterregiment. Wenn man sich die edlen Geschäfte und Restaurants hier anschaut, die sich ringsum angesiedelt haben, – das Fassbender & Rausch Schokoladenhaus, das Stammhaus von Lutter & Wegner-, diverse luxuriöse Boutiquen und Hotels – gewinnt man den Eindruck, als hätte dieses Flair der Exklusivität die Jahrhunderte überdauert. Auf der Homepage des legendären Restaurants borchardt in der Französischen Straße heißt es: „Lokal und dazugehöriges Gewerbe haben sich (…) durch die düstere Episode des Zweiten Weltkrieges und der darauf folgenden Trennung der Stadt während der Mauerzeit heute wieder in das blühende Restaurant von damals entwickelt…“ Das trifft sicher auf viele Häuser hier zu. Das heutige Lokal Lutter & Wegner übrigens war nicht nur wichtiger Inspirationsort des romantischen Dichters E.T.A Hoffmann, sondern zugleich seine letzte Wohnadresse. Diverse Text- und Bildreminiszenzen im und am Lokal erinnern daran.

Im Jahr 1950 wurde der Platz noch einmal umbenannt. Er hieß nun Platz der Akademie wegen der (auch heute noch) hier ansässigen Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Nach dem Mauerfall erfolgte die bislang letzte Namensänderung: Seit 1991 heißt er wieder Gendarmenmarkt.

Die beiden Karrees links (Süden) und rechts (Norden) neben dem mittleren waren im Jahr 1700 der lutherischen und der französisch-reformierten Gemeinde als Grundstücke zugewiesen worden. Daraufhin entstand auf der Südseite zwischen 1701 und 1708 die Neue Kirche als Simultankirche für die deutsch-reformierte und die lutherische Gemeinde der Friedrichstadt. Die Pläne für den Barockbau stammten von dem Berliner Architekten und Baumeister Martin Grünberg. Auf der Nordseite wurde zwischen 1701 und 1705 auf Bitten der Gemeinde hin die Französische Friedrichstadtkirche für die Hugenotten errichtet, jene reformierten Glaubensflüchtlinge aus Frankreich. Den Entwurf dazu lieferte Jean Louis Cayart, Oberst und Bauingenieur in brandenburgischen Diensten. Als Vorbild diente ihm der Temple in Charenton nahe Paris, ein Bauwerk, das für die Hugenotten als wichtiger Versammlungsort einen hohen symbolischen Wert hatte und das nach dem Revokationsedikt von 1685 vollständig zerstört worden war. Am 1. März 1705 konnte die erste Kirche der französisch-reformierten Gemeinde in Berlin eingeweiht werden. Im Zuge einer umfassenden Neugestaltung des Gendarmenmarktes unter König Friedrich II. bekamen beide Kirchen in den 1780er Jahren jeweils einen Kuppelturm (frz.: „dôme“) angebaut. Städtebauliches Vorbild für die symmetrisch positionierten Kuppeltürme waren die Zwillingskirchen an der Piazza del Popolo in Rom.

Eben rollt eine voll besetzte Pferdekutsche an uns vorbei die Markgrafenstraße entlang. Der Kutscher in Frack und Zylinder lächelt freundlich herunter in die Richtung mit den meisten Fotoapparaten. Am Haus hinter ihm wirbt eine „Dental Wellness Lounge“ für professionelles Bleaching. Nebenan bauen beste Coiffeure Frisuren nach Maß. Schönheit hat viele Gesichter.

Ein Ereignis darf nicht unerwähnt bleiben, wenn vom Deutschen Dom auf dem Gendarmenmarkt die Rede ist, denn es hat ihm nachhaltige Bedeutung verliehen: Nach der Märzrevolution 1848 wurden 183 Opfer der Revolution, die so genannten Märzgefallenen, draußen auf den Stufen aufgebahrt. Nach einem Gottesdienst wurden vor den Särgen kurze Ansprachen von einem evangelischen, einem katholischen und einem jüdischen Geistlichen gehalten. Die Särge wurden dann unter großer Anteilnahme der Berliner Bevölkerung zum Friedhof der Märzgefallenen gebracht und dort beigesetzt.

Und wie ging es weiter, links und rechts vom Mittelplatz? – Die Neue Kirche wurde wegen Baufälligkeit schließlich abgerissen und 1881/1882 durch einen Neubau im Stil des Neobarock ersetzt. Ein Brand im Jahr 1943 zerstörte auch den vollständig. Erst 1983 begann man mit dem Wiederaufbau. Am 2. Oktober 1996 erfolgte dann die offizielle Wiedereröffnung. Durch einen Grundstückstausch geriet der Deutsche Dom schließlich in den Besitz des Staates. Auf französischer Seite wird der Kirchenbau nach wie vor für Gottesdienste und Konzerte genutzt. Den vergleichsweise weltlichen Kuppelturm kann man für 3 Euro besteigen. Was man unbedingt tun sollte! Die Sicht auf das Dächermeer von Berlin ist von ganz anderer Schönheit. Einer, die sprachlos macht.

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Der Gendarmenmarkt erlebt man auch mit einer Stadtrundfahrt durch Berlin. Dank Hop-On-Hop-Off-Funktion kann man direkt am Platz aussteigen und sich selbst von den schönen Sehenswürdigkeiten rundherum überzeugen.

 

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